Vier Mythen über elektrische Sicherheit, die Sie vielleicht überraschen

10-10-2019 | Sicherheit, Elektrik

Von: Sean Silvey, Fluke Corporation

Anlagensicherheit ist viel mehr als nur die Aufgabe auf einer Checkliste. Sie erfordert von jedem Mitarbeiter – vom Management bis zu den Mitarbeitern in der Produktion – Engagement für eine Sicherheitskultur bei allen Aspekten des Betriebs. Im Laufe der Zeit können die Interpretationen bestimmter Sicherheitsstandards von den ursprünglichen Absichten abweichen und so einige Mythen über die optimale Erfüllung der Sicherheitsanforderungen hervorrufen.

Mythos Nr. 1: „Lästig“ ist dasselbe wie „nicht machbar“, wenn es um das Abschalten von Anlagen für die Instandhaltung geht

Es besteht kein Zweifel, dass es nahezu immer lästig ist, die Stromversorgung unvorhergesehen abzuschalten, um an einem Gerät zu arbeiten. Aber das bedeutet nicht, dass es nicht machbar ist. Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA), andere nationale Organisationen wie die Health and Safety Executive (HSE) in Großbritannien und die DGUV (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung) sowie andere lokale Behörden erlauben die Arbeit an einem unter Spannung stehenden Stromkreis nur unter bestimmten Bedingungen. Dazu gehören auch Umstände, unter denen es „nicht machbar“ ist, die Stromversorgung aufgrund der erhöhten Gefahr abzuschalten. Es besteht jedoch die Tendenz, Mitarbeiter an stromführenden Leitungen arbeiten zu lassen, nur weil es „lästig“ ist, die Stromversorgung abzuschalten. Dies erhöht unnötig das Risiko, was häufig zu Unfällen führt.

In Situationen, in denen es tatsächlich nicht möglich ist, die Stromversorgung abzuschalten, sollten nur Elektriker und Techniker, die für Arbeiten an unter Spannung stehenden Systemen qualifiziert sind, diese Arbeiten durchführen. Sie sollten alle Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, einschließlich des Tragens geeigneter persönlicher Schutzausrüstung (PSA) und der Verwendung von Werkzeugen, die gemäß den geltenden Sicherheitsnormen (z. B. EN 60900) für die jeweiligen Bedingungen zertifiziert sind.

Mythos Nr. 2: Je mehr persönliche Schutzausrüstung, desto besser

Ob und wie viel persönliche Schutzausrüstung (PSA) getragen werden muss, ist keine persönliche Entscheidung. Eine Komponente kann jederzeit ausfallen. Einwandfrei funktionierende Trennschalter können bei der Fehlersuche plötzlich ausfallen. Wenn ein Lichtbogen auftritt, während einfach nur ein Schaltschrank geöffnet wird, kann das Tragen der richtigen PSA den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Elektriker und Techniker müssen die detaillierten Anforderungen an die PSA gemäß der Norm EN 50110 „Betrieb von elektrischen Anlagen“ befolgen, in der die elektrische Sicherheit am Arbeitsplatz genau beschrieben wird. Allerdings ist es nicht unbedingt sicherer, wenn die Arbeiter PSA tragen müssen, die für eine viel höhere Gefahrenklasse vorgesehen ist, als die gegenwärtige Aufgabe verlangt.

„Mehr PSA ist nicht unbedingt besser“, sagt Kevin Taulbee, Elektroingenieur und Sicherheitstrainer bei Power Studies, Inc. „Es kommt darauf an, die richtige PSA zu tragen. Die Durchführung einer ordnungsgemäßen Gefährdungsanalyse ist wichtig, um die Elektriker und Techniker mit der richtigen PSA auszustatten. In zu vielen Unternehmen werden für die Instandhaltungs- und Elektrotechniker Lichtbogenschutzanzüge und dicke Handschuhe für die Arbeit an Hochspannungsfreileitungen beschafft. Elektrische Schutzhandschuhe der Klasse 2 sind nicht erforderlich, wenn die Techniker nie mit mehr als 400 Volt in Berührung kommen. Außerdem bieten diese Handschuhe deutlich weniger Fingerbeweglichkeit. Daher kann es bei Arbeiten in einer spannungsführenden Schalttafel oder einem Schaltschrank eher vorkommen, dass ein Elektriker ein Werkzeug oder Kabel fallen lässt.“

Neben der Auswahl der richtigen PSA ist es möglich, tragbare Messgeräte zu wählen, die entwickelt wurden, um das Drücken von Tasten und Betätigen von Drehschaltern beim Tragen schwerer Handschuhe zu erleichtern. Es ist auch möglich, die in einigen Fällen erforderliche PSA zu reduzieren, indem Mitarbeiter mit Werkzeugen mit berührungslosen Messverfahren wie Wärmebildkameras, IR-Thermometern und drahtlosen Überwachungssensoren ausgestattet werden. Mit diesen Werkzeugen können Mitarbeiter Daten von außerhalb der Lichtbogenzone erfassen. Wenn die Arbeit innerhalb der Lichtbogenstrecke, insbesondere bei Schalthandlungen oder bei der Fehlersuche, entfällt, erhöht sich die Sicherheit für die Elektriker und Techniker.

Mythos Nr. 3: Alle Messleitungen und Sicherungen sind gleich

Oft betrachten Techniker Messleitungen und Sicherungen als grundlegende Standardkomponenten, ohne dabei an Qualität zu denken. Unabhängig von der Qualität eines Multimeters ist dieses aber nur so sicher wie die Messleitungen, mit denen es verwendet wird, und die Sicherungen in seinem Inneren. Diese Komponenten bieten wichtigen Schutz vor Überspannungen und Spannungsspitzen, die den Anwender schwer verletzen können.

Auswahl der richtigen Messleitungen

Die Hauptaufgabe von Messleitungen ist es, das Multimeter an die zu prüfenden Geräte anzuschließen, doch sie bieten auch eine erste Gefahrenabwehr gegen Stromschlag. Messleitungen, die von minderwertiger Qualität, abgenutzt oder für die jeweilige Aufgabe nicht ausgelegt sind, können zu ungenauen Messwerten führen und bei Berührung des falschen Kabels eine ernsthafte Gefahr für einen Stromschlag darstellen. Achten Sie bei der Auswahl der Messleitungen auf Folgendes:

  • Hochwertige Materialien und robuste Konstruktion
  • Bemessung für die entsprechende Messkategorie gemäß EN 61010 und die Spannung der Anwendung. Die Messkategorie (CAT) der Messleitungen und des Zubehörs sollte der Messkategorie des Multimeters entsprechen oder diese überschreiten.
  • Freiliegendes Metall, das dem Energiepotenzial einer bestimmten Messung entspricht.
  • Einziehbare Messpitzen, Abdeckungen der Messspitzen oder Tastköpfe mit kürzeren Spitzen, um einen versehentlichen Kurzschluss zu vermeiden.

Auswahl hochwertiger Ersatzsicherungen

Die heutigen Sicherheitsnormen verlangen von Multimetern, dass sie spezielle Hochenergiesicherungen enthalten, die die Energie, die durch einen elektrischen Kurzschluss erzeugt wird, innerhalb des Sicherungsgehäuses halten. Dadurch wird der Anwender vor Stromschlag und Verbrennungen geschützt. Wenn es erforderlich ist, Sicherungen auszutauschen, wählen Sie immer die vom Hersteller des Messgeräts zugelassenen Hochenergiesicherungen. Günstigere Ersatzsicherungen, die passen aber diese Anforderungen nicht erfüllen, erhöhen das Risiko schwerer Verletzungen.

Mythos Nr. 4: Die einzige Möglichkeit zur genauen Messung der Spannung ist der Kontakt mit der Messleitung

In der Vergangenheit war es am besten, Messspitzen oder Krokodilklemmen direkt an elektrische Leiter anzuschließen, um genaue Ergebnisse zu erzielen. Dies erfordert jedoch eine metallische Kontaktierung, die die Gefahr von Lichtbogenüberschlägen und möglichen Schäden sowohl für die messende Person als auch für die zu messende Ausrüstung mit sich bringt.

Vor Kurzem wurde eine neue Technologie zum Einsatz gebracht, die Spannung ohne metallische Kontaktierung erkennt und misst. Diese Technologie isoliert das Messgerät von der zu prüfenden Spannungsquelle. Um die Spannung zu messen, schieben die Anwender einfach eine spannungsführende Leitung in die offene Gabel des tragbaren Messgeräts. Da sie keinen unter Spannung stehenden Kontaktpunkten ausgesetzt sind, wird das Risiko eines Stromschlags und eines Lichtbogenüberschlags verringert.

Die oben aufgeführten Mythen stellen nur eine kleine Auswahl der Sicherheitsthemen dar, die bei der Arbeit an unter Spannung stehenden Geräten zu berücksichtigen sind. Die beste Möglichkeit, um in einer Einrichtung sicherzustellen, dass die Mitarbeiter alle relevanten Vorschriften zur elektrischen Sicherheit vollständig verstehen und befolgen, besteht darin, eine solide Sicherheitskultur zu entwickeln und aufrechtzuerhalten, die auf den Bedürfnissen und der Umgebung dieser speziellen Einrichtung basiert.